Was passiert, wenn ein LARP (also ein "Life Action Role Play", d.h. ein meist mit mittelalterlichen Motiven aber auch fantastischen Elementen versehenes Rollenspiel) eskaliert, zeigt The Wild Hunt.
Wer wie ich am Vorabend auf der Rückfahrt vom FFF Köln im Zug einen Life-Rollenspieler in voller Montur samt Zauberstab bei dem Versuch beobachtet hat, ...
... eine Ruhrpotttussi mit dem Dozieren über die verschiedenen Formen seiner Magie zu beeindrucken, kann sich nur schwer vorstellen, dass die Maiden und Ritter der Mittelaltermärkte überhaupt zur Gewalt fähig sind.
Eric (Ricky Mabe) pflegt seinen kranken Vater und hat obendrein eine Krise mit seiner Freundin Evelyn (Kaniehtiio Tiio Horn), die die triste Realität für eine Woche mit der Rolle einer mystischen Prinzessin auf einem LARP-Gelände eintauschen will. Nachdem Eric einige Tage nichts von ihr gehört hat, reist er ihr nach und will sie dazu bewegen, mit ihm nach Hause zu kommen.
Doch ohne in die Welt der Elfen, Wikinger und Kreuzritter einzutauchen gelangt er nicht mal in die Nähe von Evelyn, die sich derweil mit dem Schamanen Murtagh und dessen Männerbündnis vergnügt. Eric begibt sich halbherzig in die Rolle eines nordischen Kriegers und wird bei seiner Suche nach Evelyn immer tiefer in die unwirkliche Spielwelt hineingezogen, bis Realität und Fiktion auf verhängnisvolle Weise miteinander verschmelzen.
Soweit der spannende Rahmen eines Szenarios, das immenses Potential für eine moderne Parabel über die Mechanismen von Gewalt und Zivilisation im besten Sinne von Golding (Herr der Fliegen) geboten hätte und dieses leider verspielt. Besonders tragisch ist dieser Umstand, weil The Wild Hunt trotz eines schmalen Budgets handwerklich nicht als Independentfilm zu erkennen ist.
The Wild Hunt Trailer
Quelle: YouTube. Mit freundlicher Genehmigung von TontonFranchi (Alexandre Franchi). Dort von ihm auch weitere Videos von The Wild Hunt (u.a. kurze Making of).
Das real existierende LARP-Gelände Duché de Bicolline in Kanada/Quebec bietet eine beeindruckende Kulisse. All die altertümlichen Holzhütten, die ungezähmte Natur und die authentischen Kostüme führen uns in eine fremde, durchaus attraktive Welt, die nach ihren eigenen Regeln funktioniert und mystische, ausgelassene Feste mit rustikalen Bierhumpen zelebriert.
Diese Fassade bröckelt nur, wenn ein Spielleiter im Elfenkostüm, angeklebten Spock-Ohren und glitzernden Flügeln durch den Wald huscht und dabei in ein Walky Talky plappert. Diese Brüche sorgen für die komischen Momente in The Wild Hunt, die liebevoll unterstreichen, dass diese Illusion bei aller Perfektion und Maskerade nur wirkt, wenn die Spieler selbst sie ernst nehmen.
Das eigentliche Problem liegt auch nicht bei den Darstellern. Mark Krupa gibt Erics Bruder und begeisterten Life-Rollenspieler Bjorn mit eindruckvoller Hingabe, Tiio Horn verströmt als Evelyn tatsächlich die Aura einer geheimnisvollen Waldfee und Ricky Mabe überzeugt als bewusster Spielverderber und genervter Wikinger Eric wider Willen.
Die Krux in The Wild Hunt liegt vielmehr in der Motivation der Frauenfigur und im Timing der Story. Evelyns durchdringende Blicke durch die dunkle Mähne können nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihr Hin- und Hergerissensein zwischen dem soliden und sie vergötternden Eric und dem brutalen Schamanen (Trevor Hayes) völlig beliebig wirkt. Während die Männer mit archaischen Virilitätsritualen die Hierarchie ausfechten, scheint Evelyn wie ein gelangweiltes Balg, das Freiheit mit kompletter Wahllosigkeit verwechselt und auch schon mal verzeiht, wenn sie fast vergewaltigt wird.
Gravierender ist noch, dass der Punkt der Eskalation viel zu lang hinausgezögert wird. Brilliante Momente werden so verschenkt. Die Szene, in der der Schamane Personalausweis und weitere Dokumente von Evelyns realer Identität verbrennt, hätte zeigen können, wie dünn letztlich die Membran ist, die unsere Gesellschaft von der kompletten Anarchie trennt.
Der beschriebene, symbolische Akt hätte so einen Katalysator der Gewalt abbilden und zum besseren Verständnis der Figuren beitragen können. Stattdessen wartet man auch danach noch lange Zeit vergeblich auf die Eskalation. Der vermeintliche "point of no return" wird immer wieder angedeutet, so dass die explizite und alles andere als zimperliche Eruption der Gewalt im letzten Drittel deplaziert scheint.
The Wild Hunt ist daher in der ersten Hälfte eine gelungene Komödie und ein interessanter Einblick in die Welt der Life-Rollenspiele. Die sich allmählich zuspitzende Dramatik entwickelt sich jedoch nur inkonsequent, weshalb die streckenweise bedrohliche, fast mystische Atmosphäre gegen Ende schlicht verpufft und gerade aufgrund der guten Voraussetzungen einen faden Beigeschmack hinterlässt. LARPer dürften aber allein schon aufgrund der fantastischen Kulisse ihre Freude haben.
Maxi Braun
02.09.2010
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imdb Info: The Wild Hunt
Offizielle Website: http://www.wildhuntfilm.com/