Als Patrick Süskind im Jahre 2001 endlich dem Bitten und Betteln Bernd Eichingers nachgab und ihm die Rechte an seinem Jahrhundertwerk Das Parfum überließ, schien der fertige Film bereits zum Greifen nah. Die fünf Jahre zwischen Vertragsabschluss und Premiere boten reichlich Raum für Spekulationen, was ein Tom Tykwer wohl mit dem als unverfilmbar geltenden Stoff anfangen würde.
Unverfilmbar? Mit diesem ehrfürchtigen Attribut schmückten sich bereits ganz andere Bücher, die dann doch erfolgreich auf die Leinwand gehievt wurden; man denke nur an American Psycho, Der Name der Rose oder den Herr der Ringe.
Doch allein die Story aus Das Parfum unterscheidet sich gravierend von diesen Vorläufern. Denn die Welt des Jean-Baptiste Grenouille ist die der Gerüche. Gesegnet oder verflucht mit einem außergewöhnlichen Geruchssinn sehnt er sich danach, alle Düfte der Welt zu sammeln und die schönsten für immer zu konservieren.
Besonders fühlt sich seine Nase zu elfenhaften, häufig rothaarigen Porzellanprinzessinnen hingezogen und sein erster Mord, der eher zufällig geschieht, löst in Grenouille den Wunsch aus, das perfekte Wässerchen aus dem Geruch dieser Frauen zu extrahieren. Dabei
hält er sich streng an die Vorgehensweise eines professionellen Parfumeurs, trennt die verschiedenen Geruchselemente auf und will seine Kreation letztlich mit einer blutjungen, wohl behüteten Tochter aus reichem Hause krönen. Die Spannungskurve des Films reitet auf der Frage, ob ihm dies gelingen wird, was angesichts der Popularität des Romans eher nebensächlich scheint.
Insgesamt ist Das Parfum ein opulentes Mahl geworden. Das Paris des 18. Jahrhunderts könnte tatsächlich so ausgesehen haben und trotz pompöser Kulissen umwittert die 60-Millionen Euro Produktion mitnichten der muffig-barocke Geruch eines Kostümfilms. Ben Whishaw, der als Protagonist Grenouille nicht annähernd so hässlich ist wie dank Süskinds Beschreibungen in den Köpfen von ca. 15 Millionen Lesern, ist ebenfalls ein Glücksgriff. Wirkt der Theaterschauspieler in den kurzen Trailern noch als durchaus attraktiver Jüngling, beunruhigt er im Verlauf seiner Performance, verstört direkt durch die beinah autistisch wirkende Emotionslosigkeit, mit der er seinen nur für den Beobachter perfiden Plan absolviert.
Schaut man genauer hin, offenbart sich ein in sich gekehrter Mensch, der sich lediglich einen Herzenswunsch erfüllen will, um endlich Frieden, Glück und vielleicht sogar Liebe zu finden. Dabei gelingt Whishaw der Balanceakt zwischen brutaler Bösartigkeit und rührender Naivität derart eindringlich, dass er von Minute zu Minute bedrohlicher wirkt, ohne dafür auch äußerlich abstoßend sein zu müssen.
Allen Bewunderern des Buches im Speziellen und fundamentalistischen Gegnern von Literaturverfilmungen im Allgemeinen sei gesagt, dass diese kleinen Abweichungen dem Film nicht geschadet haben.
Grenouilles Erscheinungsbild oder die zeitliche Raffung, die dazu führt, dass seine Eremitenposse in der einsamen Höhle nur fünf Minuten und keine drei Jahre währt, sind somit nicht das Manko des Films. Im Gegenteil, um die Grundidee des Parfums stimmig in eine filmische Form zu wandeln, wäre ein Mehr an künstlerischer Freiheit durchaus interessant gewesen.
Gerüche spielen in unserem Leben eine immense, wenn auch unterbewusste Rolle, scheinen aber auf der Leinwand nicht abbildbar, was das eigentliche Problem des Films darstellt. Da kann Tykwer noch so häufig eine Nase überdimensional auf die Leinwand projizieren, Grenouille die Nüstern blähen lassen und den Weg der unsichtbaren Geruchspartikel per Steady-Cam verfolgen - das Erlebnis der Düfte bleibt dem Zuschauer verwehrt.
Schließlich sind Gerüche häufig mit Erinnerungen, spontanen Assoziationen verknüpft. Wer von uns hat noch nie in einem einsamen Moment den vollgeschwitzen Pullover eines Geliebten an sich gepresst, um mit dem Geruch wenigstens ein Stück des anderen zum Greifen nah zu haben?
Düfte sind flüchtig und greifbar werden sie in das Parfum bloß einmal, als Baldini (Dustin Hoffman) an der ersten Mischung Grenouilles riecht. Plötzlich befindet er sich in einer Laube und ein Meer aus abertausenden Blumen umgibt ihn, als eine unbekannte Schönheit vorbeischwebt und ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange haucht.
Vielleicht wollte Tykwer seinen Film durch diese Darstellung der Düfte nicht zu kitschig werden lassen. Aber allein in diesem Augenblick vermag der Zuschauer die Wand zwischen der Realität des Kinosaals und der fiktiven Welt Grenouilles zu durchbrechen.
Dieselbe Unüberwindbarkeit macht auch den zweiten gravierenden Fehler des Films aus. Der Killer in Grenouille ist weder charismatischer Sympathieträger noch irrer Psychopat und die oben erwähnte Wand trennt auch Grenouille in seiner stillen Introvertiertheit vom Publikum. Dass das Duftkino nach einer kurzen Episode in den 1960er Jahren nicht etabliert wurde, kann man Tykwer kaum zum Vorwurf machen.
Dass Grenouilles Innenleben im Dunkelen bleibt und seine innere Kontemplation durch einen Erzähler bestenfalls angedeutet werden kann, hingegen schon. Weniger Treue zur literarischen Vorlage hätte eine Alternative für diese Erzählform bieten können. Doch hierfür ist Tykwer, der mit Lola rennt Erfolg hatte und vor allen Dingen mit dem poetischen Heaven oder Der Krieger und die Kaiserin verzauberte, indessen wohl leider zu sehr Nutte des Kommerz geworden. Eine Edelnutte, zugegeben, aber niemand, der dieser Adaption seine eigene Note zu geben wusste.
So wirkt Das Parfum wie ein schön anzuschauendes Fest, das elegant zwischen Kostümball und Thriller wandelt und mit Ben Whishaw einen hervorragenden Neuling ins Rampenlicht stellt, welches allerdings von zig anderen talentierten Regisseuren hätte kreiert werden können. Was bleibt ist das Gefühl, ein erlesenes Mahl serviert zu bekommen, das jedoch nie zum Verzehr gedacht war und letztlich nach rein gar nichts schmeckt.
Maxi Braun