Big Fish - LSD-Trip ohne Nebenwirkungen

Tim Burton ist ein Phantast, dessen Filme meist durch morbiden (Sleepy Hollow) bis absurden (Beetlejuice) Charme faszinieren. Bisher schuf er düstere Märchen, deren Weg zum Happy End er nur zu gerne mit Alpträumen und manchmal auch Leichen pflasterte.

Big Fish von Tim Burton u.a. mit Ewan McGregor, Albert Finney, Billy Crudup, Jessica Lange, Helena Bonham Carter - DVD, Video, VHS online bestellen Big Fish (2003) ist anders. Vielleicht liegt es daran, dass Burton unlängst Vater geworden ist und sich Tote in der Bürokratenhölle oder Scherenhändige Aussenseiter schlecht auf der Bettkante der Allerkleinsten erzählen lassen. Vielleicht wollte er auch einmal die unterschwellige Wärme seiner bisherigen Filme offen zur Schau stellen.

Dabei hätte die Romanvorlage von Daniel Wallace mit Riesen, sich in Werwölfe verwandelnden Zirkusdirektoren und Springspinnen viel Potenzial für eine weit schwärzere Erzählweise und Bildsprache geboten.

Edward Blooms Sohn (ein zurückhaltender, sensibler Part für Billy Crudup) hält seinen Vater für eine Art Münchhausen. Dessen versponnenen, seiner Meinung nach frei erfundenen Anekdoten hängen ihm zum Hals heraus und haben ihn zu einem rationalen, spassbremsigen Pragmatiker gemacht. Erst als er am Sterbebett versucht, das wahre Wesen seines Vaters zu verstehen, wird er begreifen, dass die Wirklichkeit niemals ohne die Phantasie existieren könnte.

Trainspotting von Danny Boyle u.a. mit Ewan McGregor, Robert Carlyle - DVD, Video, VHS online bestellen Wir begleiten Ewan McGregor wie auf einer Sightseeing-Tour in Cinderellas Kürbis-Kutsche durch sein Leben. Der gibt den jungen Bloom, als wäre er auf einem besseren Trip als Renton ihn in Trainspotting je gehabt haben dürfte.

Der smarte Schotte ist mit der wichtigste Faktor für den sprühenden Optimismus des Films. Zwar singt und tanzt er nicht wie unlängt in Down with Love, scheint aber Geschmack an den strahlenden Flamboyants gefunden zu haben. Jungenhaft lächelt er alle Probleme einfach weg und fast geht er damit schon auf die Nerven. Würde er nicht in der nächsten Sekunde ein noch breiteres Grinsen aufsetzen und uns besänftigen.

Die fragmentartig nachgezeichnete Biographie Blooms ist dabei so fantastisch wie unlogisch. Aber unabhängig davon, ob er in einem utopischen Dorf strandet, in dem alle barfuss laufen und Steve Buscemi als debiler Dichter seit 12 Jahren an einer einzigen Zeile feilt, oder Bloom im Krieg von siamesischen Zwillingen vor der Gefangenschaft gerettet wird - jede der Episoden scheint einen wahren Kern zu haben.

Mit Big Fish hat Burton einen ruhigen, fast poetischen Film gezaubert, dem selbst seine Kritiker keine alberne Überdrehtheit, sondern höchstens grenzenlose Naivität vorwerfen können.

Doch gerade diese Unschuld schafft ein wundersames Konglomerat aus Elfen und Trollen, die, obwohl sie in traumartig anmutende Bilder eingefroren sind, so authentisch wirken, als könnte man diesen Fabelwesen selbst überall begegnen - würde man sich nur die Zeit nehmen, sie zu bemerken.

Wenn die verschiedenen Versionen der Wirklichkeit am Grab des alten Bloom (rührend: Albert Finney) zu einer tieferen Wahrheit verschmelzen, scheinen sich auch die Seelen in Tim Burtons Brust zu vereinen.

Nach der missglückten Schlachtung der heiligen Planet of the Apes-Kuh kann verkündet werden: Burton is Back!

Mit Big Fish träumt Burton einen Traum, aus dem man nicht erwachen möchte.

Maxi Braun

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offizielle amerikanische Big-Fish-Website

spiegel.de: Interview mit Tim Burton