Das Leben in einem Hotel hat immer etwas Provisorisches, Temporäres. Wir assoziieren einen Hotelaufenthalt immer mit einer Reise oder einem Übergang, nie mit Heimat. Ob es nun die Einsamkeit in der Suite, unheimliche Flure oder die Flüchtigkeit der Begegnungen in der Lobby sind - Hotels haben Film und Literatur daher schon immer als Orte begeistert, an denen Menschen zueinander und häufig auch erst zu sich selbst finden.
Für ihren neuen Film Somewhere, der jüngst bei den Filmfestspielen in Venedig den Großen Preis der Jury ergatterte, hat sich Sofia Coppola mit dem real existierenden Chateau Marmont eine von Legenden umwitterte Bleibe ausgesucht.
Ursprünglich als Luxus-Apartmentkomplex geplant, wurde das Chateau Ende der 1920er Jahre in ein Hotel umgebaut, in dem diverse Rockstars und Schauspieler genächtigt, gefeiert, geliebt und nicht selten sogar ihr Leben gelassen haben.
Das Chateau dient in Somewhere zunächst als authentische Kulisse und Zufluchtsort für den fiktiven Schauspieler Johnny Marco (Stephen Dorff). Die ersten Tage, die wir mit ihm dort verbringen, wirken seltsam ereignislos und austauschbar, obwohl es keineswegs an den obligatorischen Nutten, Koks und wilden Partys mangelt. Der Stoff aus dem die Träume und Klischees sind, die wir mit dem berüchtigten Los Angeles verbinden, scheint keine Wirkung mehr auf Johnny zu haben und alles rauscht an ihm irgendwie vorbei. Dies ändert sich erst, als seine Tochter Cleo für ein paar Tage bei ihm unterkommt (Elle Fanning ist im Gegensatz zu ihrer Schwester Dakota noch erfrischend unverbraucht).
Sofia Coppolas siebte Regiearbeit erinnert auf den ersten Blick in Sujet, Kamerastil und Erzähltempo deutlich an ihren Film Lost in Translation.
Während darin aber zu Protagonist Bill Murray in der fluoreszierenden Kulisse Tokios Distanz gehalten wurde, bringen uns die Einstellungen von Harris Savides nicht nur buchstäblich näher an Johnny Marco.
Kameramann Savides, der mehrfach mit visuell ambitionierten Regisseuren wie David Fincher (The Game, Zodiac) und Gus van Sant (Gerry, Elephant) arbeitete, schafft eine fast vertraute Nähe.
Dies macht es dem Zuschauer überhaupt erst möglich, sich mit einem Hollywood-Star zu identifizieren, sich in sein Leben abseits dieser glamourösen Fassade einzufühlen und auf einen Trip durch die schlaglichtartig festgehaltenen Episoden aus seinem Leben einzulassen.
Stephen Dorff, den man, wie seine Leistung in Somewhere zeigt, zu Unrecht nicht per se mit Charakterdarstellungen assoziiert, überzeugt dabei sowohl in den Szenen mit Filmtochter Cleo als rührend ungeübter Vater, als auch in den langen Einstellungen, die ihm Raum lassen, seine Einsamkeit physisch spürbar zu machen.
Somewhere ist geworden, was Lost in Translation gern gewesen wäre. Sofia Coppola plaudert – vermutlich auch aus ihrer eigenen Kindheit und dem Leben in Hotels – aus dem Nähkästchen der eingeschworenen Hollywood-Gemeinde und gewährt uns Zugang in eine bizarre Welt, in der neben dem Glanz der Berühmtheit auch der Alltag des Business immer wieder am Rande beleuchtet werden.
Eingebettet in diese prachtvolle Szenerie erzählt Somewhere eine authentische Vater-Tochter-Geschichte und die eines Mannes, der nachdem er sein Leben selbst von jedem Sinn entleert hat, aufbricht, um sein Glück irgendwo anders zu finden.
Maxi Braun
13.10.2010
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imdb Info: Somewhere
Offizielle deutsche Website: http://www.somewhere-derfilm.de
Bilder: (c) TOBIS